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Meine Reise

Thesaurierend oder ausschüttend? Warum mein ETF nichts zahlt

5. Oktober 20269 Min. Lesezeit
Thesaurierend oder ausschüttend? Warum mein ETF nichts zahlt

Jeden Monat am Zahltag kaufe ich denselben Welt-ETF. Und jeden Monat kommt nichts zurück. Keine Dividende auf dem Konto, keine Benachrichtigung, nichts zum Feiern. Das ist Absicht: Jeder ETF, den ich heute kaufe, ist thesaurierend.

Falls du nur die Kurzfassung zu thesaurierend oder ausschüttend suchst: Es ist derselbe Fonds, nur mit einem anderen Ausgang für die Dividenden. Ein ausschüttender ETF überweist dir, was er an Dividenden einsammelt. Ein thesaurierender behält es und legt es im Fonds wieder an, der Ertrag steckt dann im Kurs statt auf deinem Verrechnungskonto. Vor Steuern macht dich keine der beiden Varianten reicher. Welche zu dir passt, hängt an zwei Fragen: Brauchst du das Geld jetzt? Und wie besteuert dein Land die beiden?

Bei der zweiten Frage muss ich gleich ehrlich sein. Ich lebe in Tschechien, nicht in Deutschland, und mein wichtigstes Argument ist ein tschechisches. Deshalb bekommst du hier beides: warum ich thesauriere und was davon übrig bleibt, wenn du in Deutschland investierst.

Thesaurierend oder ausschüttend: derselbe Fonds, anders verpackt

Nimm als Beispiel die Art Fonds, die ich kaufe, etwa den Vanguard FTSE All-World UCITS ETF. Das ist ein Beispiel für den Fondstyp, keine Kaufempfehlung. Der Fonds ist in Irland aufgelegt und hat mehrere Anteilsklassen. In der thesaurierenden Klasse werden die Dividenden laut justETF direkt im Fonds reinvestiert. Laufende Kosten 0,14 %, 3.784 Aktien im Fonds, Stand 31. August 2026 laut Vanguard. Die ausschüttende Klasse hält genau dieselben Unternehmen. Sie schickt dir nur die Dividenden.

Was dabei gern untergeht, ist der Ex-Tag. justETF rechnet es in seinen Dividenden-Mythen an einer Aktie vor: Steht sie bei 100 € und zahlt 3 € Dividende, wird sie am Ex-Tag für 97 € gehandelt. Das Geld, das bei dir ankommt, war am Vortag noch Teil deiner Anlage. Es ist von der linken in die rechte Tasche gewandert.

Noch ein Detail, falls du über einen in Irland aufgelegten ETF investierst. Auf Dividenden aus US-Aktien fällt Quellensteuer an, und physisch replizierende Irland-ETFs zahlen laut justETF nur den halben Satz. Das passiert auf Fondsebene und gilt für beide Anteilsklassen gleich. Der Unterschied zwischen den Varianten entsteht erst danach, im Steuerrecht deines Landes.

Thesaurierend (Acc)Ausschüttend (Dist)
Dividendenwerden im Fonds wieder angelegtlanden als Geld auf deinem Konto
Wo du den Ertrag siehstim Kursim Kurs und als Ausschüttung
Entscheidung nach jeder Ausschüttungkeinewieder anlegen, ausgeben oder liegen lassen
Steuer in DeutschlandVorabpauschale jedes Jahr im Januar, der Rest beim Verkaufsofort auf jede Ausschüttung

Warum jeder ETF, den ich kaufe, thesaurierend ist

Der eigentliche Grund ist langweilig. Ich habe nicht vor, in den nächsten zehn Jahren oder länger von Kapitalerträgen zu leben. Unser Plan: bis etwa 40 kräftig investieren und das Geld dann wachsen lassen, ohne davon zu leben.

Jede Dividende, die in dieser Zeit bei mir landet, müsste ich also von Hand wieder anlegen, und zwar nach Steuern. Dieser Steuerteil ist für mich der Hauptgewinn. Und genau hier kommt der Haken für dich, denn das ist tschechisches Recht: Bei uns werden Dividenden mit 15 % besteuert, Gewinne aus Wertpapieren, die man länger als drei Jahre hält, sind dagegen steuerfrei (PwC-Übersicht zum tschechischen Steuerrecht). Eine Ausschüttung wird also auf dem Weg zu mir besteuert. Was in einem thesaurierenden Fonds wächst, kann ich nach heutigem Stand nach drei Jahren steuerfrei herausholen.

Diese Haltefrist gibt es in Deutschland nicht. Für dich sieht die Rechnung deshalb anders aus, und sie ist deutlich knapper.

Was davon in Deutschland übrig bleibt

Bei einem ausschüttenden ETF zieht deine Bank die Abgeltungsteuer direkt bei der Ausschüttung ab: 25 % plus 5,5 % Solidaritätszuschlag darauf, zusammen 26,375 %, dazu gegebenenfalls Kirchensteuer (Finanztip). Bei Aktien-ETFs wie dem Beispiel oben greift außerdem die Teilfreistellung, 30 % der Erträge bleiben steuerfrei.

Steuerfrei bis zum Verkauf ist aber auch der thesaurierende ETF in Deutschland nicht. Jedes Jahr im Januar wird für das Vorjahr die Vorabpauschale fällig. Stiftung Warentest beschreibt die Rechnung so: Wert des Fonds zu Jahresbeginn mal 70 % des Basiszinses, höchstens aber die tatsächliche Wertsteigerung im Jahr. Für 2026 liegt der Basiszins bei 3,2 %. Auch hier bleiben bei Aktien-ETFs 30 % steuerfrei. Finanztip nennt das keine Extrasteuer, sondern eher eine Art Vorauszahlung: Was du schon über die Vorabpauschale versteuert hast, wird dir beim Verkauf angerechnet.

Jetzt meine eigene, grobe Rechnung, nimm sie bitte nur als Größenordnung. 3,2 % mal 70 % ergibt einen Basisertrag von 2,24 % des Fondswerts für 2026. Für breite Welt-Indizes wie den MSCI World nennt justETF Ausschüttungsrenditen von etwa 2 %. Steigt der Fonds 2026 ordentlich, wird beim thesaurierenden ETF also ungefähr so viel vorab besteuert, wie der ausschüttende tatsächlich auszahlen würde. In Jahren mit niedrigem Basiszins sieht das anders aus. Dann gilt eher, was justETF allgemein schreibt: Bei thesaurierenden ETFs wird der Großteil der Steuer erst beim Verkauf fällig.

Dazu kommt ein Argument in die andere Richtung, das ich in Tschechien gar nicht habe: der Sparerpauschbetrag. Bis 1.000 € im Jahr, für Verheiratete 2.000 €, bleiben deine Kapitalerträge mit einem Freistellungsauftrag steuerfrei. justETF weist darauf hin, dass ein ausschüttender ETF helfen kann, diesen Freibetrag jedes Jahr auch wirklich zu nutzen. Die komplette Steuerrechnung mit Beispielzahlen steht in meinem Artikel thesaurierend vs. ausschüttend: die Steuerfrage.

Für dich in Deutschland ist die Steuer also kein klarer Sieg für thesaurierend, eher ein knappes Rennen, das vom Basiszins abhängt. Wichtiger ist der zweite Grund, und der gilt überall.

Eine Dividende ist kein neues Geld

Ausschüttungen fühlen sich an wie Einkommen. Sie kommen als Geld an, und verkauft hast du scheinbar nichts. Aber am Ex-Tag ist der Kurs um genau diesen Betrag gefallen.

Die Forschung hat für dieses Gefühl einen Namen. Samuel Hartzmark und David Solomon nennen es in „The Dividend Disconnect" (Journal of Finance, 2019) den Irrtum der Gratis-Dividende, im Original „free dividends fallacy". Laut der Zusammenfassung des CFA Institute betrachten Anleger Dividenden und Kursveränderungen getrennt statt als Teile derselben Gesamtrendite, legen Dividenden selten wieder an und bezahlen ihren Konsum lieber aus Dividenden als aus Kursgewinnen.

Der letzte Punkt ist mein eigentliches Problem mit Ausschüttungen. Eine Dividende wird nicht nur besteuert. Sie drückt dir eine Entscheidung in die Hand: wieder anlegen, ausgeben oder „kurz" auf dem Konto parken, was dann still und leise ein halbes Jahr wird. Diese Entscheidung will ich nicht jedes Quartal treffen. Für fallende Kurse habe ich mich einmal festgelegt, im Voraus, und ich verhandle das nicht jedes Mal neu, wenn der Markt nachgibt. Mit einem thesaurierenden Fonds läuft es bei der Dividende genauso. Sie ist wieder angelegt, bevor ich sie überhaupt zu Gesicht bekomme.

Immobilien haben mir schon beigebracht, dass „passives Einkommen" meistens nicht passiv ist. Unser zweites Haus bedeutet Heizkessel, Dachrinnen und eine Liste kleiner Reparaturen, die nie kürzer wird. Fairerweise: Eine Dividende ist sehr viel passiver als ein Heizkessel. Aber beide verkaufen dieselbe Idee, Geld, das für dich arbeitet. Ich lege bewusst langweilig an, und weniger Entscheidungen gehören für mich genau dazu.

Der erste Kauf und die Traurigkeit, die geblieben ist

Beim ersten Mal investieren war ich wahnsinnig nervös. Vor allem, als ich das erste Mal einen ernsthaften Prozentsatz meines Einkommens angelegt habe. Ich habe viel über das recherchiert, was ich da kaufe, und hatte Angst, beim Broker den falschen Knopf erwischt zu haben.

Heute ist das dieselbe langweilige Routine, automatisch am Zahltag.

Eine Sache hat sich nicht geändert: Wenn ich gekauft habe und der Markt am nächsten Tag fällt, macht mich das immer noch traurig. Ich unternehme nichts. Ich versuche nicht, den Markt zu timen, weil es sich auf lange Sicht ausgleichen sollte. Deprimierend finde ich es trotzdem.

Für die Wahl der Anteilsklasse spielt das eine Rolle. Wenn mich schon ein Minus am Tag nach einem ganz normalen Kauf erwischt, dann ist ein Fonds, der mir jedes Jahr noch ein paar zusätzliche Anlässe zum Reagieren liefert, das falsche Produkt für mich. Mir ist ein Depot lieber, das still ist.

Der ausschüttende ETF, von dem ich nichts wusste

Ein kleines Geständnis. Ich habe mal einen ETF gekauft, ohne zu wissen, dass er ausschüttet. Die Beträge waren klein, ich habe sie fast nicht bemerkt.

Dann haben sich einige MFFT-Nutzer eine Funktion für Dividendenausschüttungen gewünscht. MFFT ist der Tracker, den ich baue, das solltest du bei diesem Absatz im Hinterkopf behalten. Als die Funktion fertig war, waren sie plötzlich da: Ausschüttungen auf einem alten Teil meines eigenen Depots. Ich war ehrlich überrascht.

Eine Fehlentscheidung habe ich deswegen bisher nicht getroffen. Aber wenn du aus diesem Text nur eine praktische Sache mitnimmst, dann die: Schau vor dem Kauf auf „Acc" oder „Dist" im Fondsnamen. Derselbe Index steckt oft in beiden Varianten, mit fast identischem Namen.

Nach FIRE: Anteile verkaufen statt auf Dividenden warten

Und später, wenn wir das Geld wirklich brauchen? Viele gehen davon aus, dass man dann auf ausschüttende Fonds umsteigt. Mein Plan ist das Gegenteil: thesaurierend bleiben und Anteile verkaufen.

Der Grund ist vor allem der Steuervorteil, den es bei uns in Tschechien heute gibt, plus Flexibilität. Brauchen wir in einem Jahr mehr Geld, verkaufe ich mehr. Brauchen wir weniger, verkaufe ich weniger. Dividenden kommen, wann der Fonds will und in der Höhe, die der Fonds will, und das passt mir persönlich nicht.

Das ist ein Plan, nichts, was ich schon erlebt habe. Verkaufen hat sein eigenes Risiko, vor allem, in einem schlechten Jahr am Anfang zu viel zu verkaufen. Dieses Reihenfolgerisiko ist die eigentliche Frage hinter jedem Entnahmeplan, mit oder ohne Dividenden. Mehr dazu in meinem Artikel über die 4-%-Regel.

Wann ausschüttend die bessere Wahl ist

Ausschüttende Fonds sind kein Fehler. In ein paar Fällen sind sie die bessere Wahl:

  • Du lebst schon von deinem Depot und willst regelmäßig Geld bekommen, ohne Verkaufsorders aufzugeben.
  • Dein Sparerpauschbetrag liegt sonst brach. Und in Jahren mit hohem Basiszins wie 2026 ist der Stundungsvorteil des thesaurierenden ETFs in Deutschland ohnehin klein.
  • Du willst eine harte Regel „nur ausgeben, was das Depot auszahlt" als Leitplanke gegen zu hohe Entnahmen.

Wenn dich Ausschüttungen trotzdem reizen, rechne es mit echten Zahlen durch, zum Beispiel im kostenlosen Dividenden-Schneeball-Rechner: was ein Ausschüttungsdepot bei einer realistischen Ausschüttungsrendite zahlen würde und wie lange es dauert, bis du dort bist. Dann vergleich das damit, einfach regelmäßig einen Teil eines wachsenden Fonds zu verkaufen. Welche Welt-ETFs dafür überhaupt in Frage kommen, habe ich hier auseinandergenommen.

Solange wir noch aufbauen, würden wir auf jede Ausschüttung Steuern zahlen und sie danach sowieso wieder anlegen. Deshalb zahlt der Fonds, den ich jeden Monat kaufe, nichts aus, und die Dividenden bleiben im Kurs.

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