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Meine Reise

Vor der Hochzeit über Geld reden: ein Abend, alle Zahlen

6. Oktober 20268 Min. Lesezeit
Vor der Hochzeit über Geld reden: ein Abend, alle Zahlen

Etwa sechs Monate vor unserer Hochzeit haben meine Frau und ich einen Abend lang alles auf den Tisch gelegt. Beide Einkommen, jedes Konto, jede Schuld und die Gewohnheiten, die bis dahin keiner von uns angesprochen hatte. Leicht war dieser Abend nicht. Trotzdem nenne ich ihn bis heute das Sinnvollste, was wir als Paar in Sachen Geld je gemacht haben.

Wer googelt, was man vor der Hochzeit besprechen sollte, landet fast immer bei Listen. Zehn Fragen an deinen Partner, fünf Gespräche, die ihr unbedingt führen müsst. Falsch ist das nicht, ein paar der Fragen sind sogar richtig gut. Nur kann man mit so einem Fragebogen wunderbar über Geld reden, ohne ein einziges Mal eine echte Zahl zu zeigen. Bei uns hat etwas Einfacheres funktioniert, das sich allerdings unangenehmer anfühlt: Jeder hat dem anderen seine echten Zahlen gezeigt. Einmal, und zwar komplett.

Was ich vor der Hochzeit auf den Tisch gelegt habe

Ich bin das ganz direkt angegangen. Ich hab einfach alles offengelegt.

Vermögen auf der einen Seite, Verbindlichkeiten auf der anderen, dazu mein Einkommen und eine grobe Vorstellung davon, was ich mit meinem Leben und meinem Geld vorhabe (wohin die Reise bei mir gehen soll). Das Ganze kam in eine Excel-Tabelle, so transparent, wie ich es hinbekommen habe. Meine Frau sollte genau wissen, worauf sie sich einlässt. (Falls du so eine Gegenüberstellung noch nie gemacht hast: So berechnest du dein Nettovermögen.)

Danach hat sie dasselbe mit ihren Zahlen gemacht.

Was in den beiden Tabellen stand, verrate ich dir nicht. Unsere Zahlen veröffentliche ich grundsätzlich nicht, und für diese Geschichte spielen sie auch keine Rolle. Entscheidend war, dass nichts fehlte.

Dann haben wir einen Haushalt geplant und lagen voll daneben

Als beide Tabellen offen auf dem Tisch lagen, haben wir uns zusammengesetzt und grob überlegt, wie viel wir investieren, ausgeben und sparen wollen. Grundlage waren die Einnahmen und Ausgaben, die wir als gemeinsamer Haushalt erwartet haben.

Natürlich lagen wir meilenweit daneben. Das tut man eigentlich immer. Ausgaben, die man erwartet, sind immer nur geschätzt, und wenn zwei Leute schätzen, die noch nie von einem gemeinsamen Budget gelebt haben, wird die Schätzung nicht besser.

Das war aber völlig egal, und genau das würde ich jedem Paar vor der Hochzeit mitgeben. Der Plan durfte falsch sein. Selbst ein falscher Plan hat uns Raum gegeben, unsere Erwartungen anzugleichen. Dass wir etwas Gemeinsames zum Nachjustieren hatten, war Gold wert, und ich bin froh, dass wir das gemacht haben. Wenn du für so einen ersten Haushaltsplan einen Startpunkt suchst: So erstellst du ein Budget.

Unangenehm waren nicht die Zahlen

Das Geldgespräch vor der Ehe klingt, als ginge es um Kontostände. Schwieriger waren die Gewohnheiten.

Am Anfang unserer Beziehung war ich viel zu geizig. Für jedes Nein hatte ich eine Begründung parat, und mit mir zusammenzuleben war ziemlich anstrengend. Ein Teil davon kam an dem Abend auf den Tisch, ein Teil zeigt sich in der Rolle, die ich heute zu Hause habe (dazu unten mehr).

Ein paar Monate später haben wir alles zusammengelegt

Zwei, drei Monate vor der Hochzeit haben wir alles zusammengeworfen. Ein einziges gemeinsames Depot, fertig. Keiner von uns hat noch ein eigenes Anlagekonto nebenher. Wir wollten es einfach und offen halten.

Beide Gehälter gehen auf ein Haushaltskonto, von dem wir größtenteils leben. Eine „deine Hälfte“ bei irgendeiner Rechnung gibt es bei uns nicht. Die einzige bewusste Ausnahme ist Spaßgeld: Jeder hat einen eigenen Topf, den der andere nie kommentiert. Die Idee kam übrigens von meiner Frau, nicht von mir, und ihr Topf ist absichtlich größer als meiner.

Zum Zusammenlegen gibt es auch Studien, allerdings aus den USA. Jenny Olson, Scott Rick, Deborah Small und Eli Finkel haben für eine 2023 im Journal of Consumer Research veröffentlichte Studie 230 verlobte oder frisch verheiratete amerikanische Paare per Zufall eingeteilt: gemeinsames Konto, getrennte Konten oder freie Wahl. Begleitet wurden sie zwei Jahre lang. Laut der Zusammenfassung der Kellogg School blieb die Beziehungsqualität bei den Paaren mit gemeinsamem Konto stabil, bei getrennten Konten nahm sie ab. Wer nur teilweise zusammenlegte, profitierte nicht im gleichen Maß. Finkel weist selbst darauf hin, dass man mit einem gemeinsamen Konto ein Stück Unabhängigkeit aufgibt und dass das in Beziehungen mit finanzieller Kontrolle riskant sein kann. Bei uns ergab das Zusammenlegen nur Sinn, weil wir beide alles sehen.

In Deutschland geht der Trend übrigens in die andere Richtung. Laut einer YouGov-Umfrage für die Postbank mit 1.261 Menschen in Beziehungen machten 2023 nur noch 33 % ausschließlich gemeinsame Kasse, 2011 waren es 43 %. Selbst unter Verheirateten nutzen nur noch 47 % ein einziges gemeinsames Konto.

Zwei Dinge solltest du wissen, wenn du in Deutschland heiratest. Erstens legt die Ehe dein Geld rechtlich nicht automatisch zusammen. Ohne notariellen Ehevertrag gilt die Zugewinngemeinschaft, und die bedeutet laut EU-Justizportal Gütertrennung während der Ehe plus einen Ausgleich des Zugewinns, wenn die Ehe endet. Wer zusammenlegt, entscheidet das also selbst. Zweitens: Ein Gemeinschaftskonto wird meist als Oder-Konto geführt, bei dem jeder allein verfügen darf. Die ING erklärt, dass dann beide gesamtschuldnerisch haften, also auch für Schulden, die der andere über das Konto macht. Das ist kein Grund dagegen, aber ein guter Grund, vorher wirklich alles offenzulegen.

Wer Nein sagt

Mit der Zeit bin ich derjenige geworden, der das letzte Wort hat. Hier und da muss ich etwas strenger sein, und manchmal heißt das eben, dass ich Nein sage.

Mich stört das nicht, und meine Frau vertraut mir voll, wenn ich am Ende entscheide. Das klappt aber nur wegen der Regel, die darunter liegt: Wir haben beide vollen Zugriff auf alles, und wir entscheiden beide. Ich mache den Papierkram. Sie kann jederzeit jedes Konto öffnen. Wenn bei euch einer die Finanzen für beide verwaltet, ist das die Bedingung, die das Ganze fair hält. Zahlen voreinander zu verstecken ist für mich finanzielle Untreue.

Über Geld reden heißt: Zahlen zeigen

Ich schwöre so auf die Variante „echte Zahlen zeigen“, weil Fragen allein erstaunlich viel offenlassen.

In einer Umfrage von Verivox und Parship unter 1.526 Parship-Mitgliedern gaben 38 % an, ihrem Partner die Höhe ihres Einkommens zu verschweigen. 56 % lassen den Partner über ihre finanzielle Situation im Unklaren, und nur gut ein Viertel (27 %) spricht in der Beziehung über laufende Kredite.

Dabei finden fast alle, dass Geld kein Tabu sein sollte. In einer YouGov-Umfrage für Swiss Life Select mit 2.047 Befragten sagten das 88 %. Dass man über Kredite und Schulden offen reden sollte, meinte aber nur rund die Hälfte.

Genau da liegt das Problem mit der Liste. Eine Frage kann man ehrlich beantworten und trotzdem das Wichtigste weglassen. Auf „Hast du Schulden?“ folgt schnell ein „ein bisschen“. Eine Tabelle mit Vermögen links und Verbindlichkeiten rechts lässt das nicht zu.

Wenn du euer eigenes Geldgespräch planst, hat unseres ungefähr das hier abgedeckt:

Was in die Tabelle gehörtWarum es zählt
Vermögen: Konten, Depots, alles, was dir gehörtDamit später niemand eine „Überraschung“ entdeckt
Verbindlichkeiten: jeder Kredit, jede Schuld, auch die kleinenÜber Kredite reden Paare besonders ungern
EinkommenDamit der Haushaltsplan mit echten Zahlen startet
Eine grobe Idee, was du vorhastBei den Zielen passiert die eigentliche Abstimmung
GewohnheitenSpar- und Ausgabeverhalten sorgt für mehr Reibung als jeder Kontostand

Danach kommt die zweite Hälfte: ein grober Haushaltsplan fürs Investieren, Ausgeben und Sparen. Rechne damit, dass er falsch ist. Spannend wird es erst, wenn ihr Monat für Monat seht, wie weit ihr danebenliegt. Eine geteilte Tabelle kann das, wenn ihr sie konsequent pflegt. Im kostenlosen Haushaltsbudget von MFFT legt ihr den Plan einmal an und seht danach beide jeden Monat, was ihr tatsächlich ausgegeben habt, direkt neben dem Plan. Die Zahlen kommen aus hochgeladenen Kontoauszügen, eine Verbindung zur Bank braucht es nicht. Fairerweise: MFFT habe ich selbst entwickelt, weil mir Excel-Dateien und halb verknüpfte Apps aus einem Zehn-Minuten-Check jedes Mal eine Stunde gemacht haben. Du weißt jetzt also, woher die Empfehlung kommt.

Was uns der Abend gebracht hat

Für mich lief dieser Abend rückblickend genau richtig. Unsere Finanzen offen zusammenzulegen war die beste Entscheidung, die wir für unsere Ehe getroffen haben. Ein Thema weniger, über das man sich Sorgen macht oder streitet. Stattdessen können wir regelmäßig darüber reden, was gerade Vorrang hat, statt darüber, wer wem was schuldet.

Wenn du verlobt bist und dich vor diesem Gespräch drückst: Lass die lange Fragenliste weg. Macht jeder eine Tabelle auf, schreibt alles rein und tauscht. Danach habt ihr einen Plan, den ihr zusammen gemacht habt. Der wird falsch sein, aber ihr könnt ihn gemeinsam korrigieren.

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